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Blockupy
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Wikipedia:WikiProjekt Ereignisse/Vergangenheit/fehlend
Blockupy bezeichnet ein linkspolitisches, kapitalismuskritisches bis antikapitalistisches und globalisierungskritisches Netzwerk aus mehreren Organisationen, dessen Name sich von seinem Vorhaben einer Blockade (englisch to block âblockierenâ) und von der Occupy-Bewegung (engl. to occupy âbesetzenâ) ableitet.cite-ref-focus-protestzuege-1-0[1] Wegen der vielen beteiligten Gruppierungen ist eine eindeutige politische Zuordnung schwer möglich. Der rĂ€umliche Schwerpunkt liegt in Frankfurt am Main.
Das BĂŒndnis rief 2012 und 2013 zu Aktionstagen mit dem Ziel auf, das TagesgeschĂ€ft der EuropĂ€ischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt zu stören und gegen die europĂ€ische Finanzpolitik im Hinblick auf die Eurokrise zu protestieren. Im Zusammenhang mit der Europawahl, dem European Business Summit und dem Jahrestag der 15M-Bewegung mobilisierte Blockupy im Mai 2014 zu dezentralen Aktionstagen in mehreren deutschen und europĂ€ischen StĂ€dten (May of Solidarity).cite-ref-2[2]
Die AktivitĂ€t, die am meisten öffentliches Aufsehen erregte, waren die Proteste anlĂ€sslich der Eröffnung des Neubaus der EuropĂ€ischen Zentralbank am 18. MĂ€rz 2015 in Frankfurt. Dem Aufruf des BĂŒndnisses zu Blockaden und einer Demonstration folgten 17.000 Menschen. Im Verlauf der Proteste kam es zu erheblichen Ausschreitungen.
Contents
âą Das BĂŒndnis
⹠AktivitÀten
âą Aktionstage 2012
âą Aktionstage 2013
âą Aktionen 2014
âą Berlin 2016
âą Rezeption
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Das BĂŒndnis
Trotz der zugkrĂ€ftigen Namensgebung hat Blockupy nach EinschĂ€tzung des Soziologen Dieter Rucht âfast nichts mit Occupy gemeinsamâ. Letzteres spiele in Deutschland 2015 keine Rolle mehr.cite-ref-3[3] Zu den Organisationen des Netzwerks gehören unter anderem die Partei Die Linke, die globalisierungskritische Organisation Attac,cite-ref-4[4] der RevolutionĂ€re Sozialistische Bund, die Gewerkschaft Verdi, die Interventionistische Linke, Ums Ganze, die griechische Linkspartei SYRIZA.cite-ref-jw1-5-0[5] Im Sinne einer Globalkritik geht es der Bewegung nach EinschĂ€tzung des Politikwissenschaftlers Sebastian Haunss von der UniversitĂ€t Konstanz nicht um eine bloĂe Symbolik.cite-ref-haunss-6-0[6] Das Netzwerk versteht sich als âeuropĂ€isches Projektâ.cite-ref-axmannbuch-7-0[7] Ziel ist seinem SelbstverstĂ€ndnis zufolge, âden Widerstand gegen ein Krisenregime, das Millionen Menschen in vielen LĂ€ndern Europas in Not und Elend stĂŒrzt, an einen seiner Ausgangspunkte [zu] tragen: Mitten ins Frankfurter Bankenviertel, an den Sitz der EuropĂ€ischen Zentralbank (EZB) und vieler mĂ€chtiger deutscher Banken und Konzerne.âcite-ref-8[8] Dementsprechend rief Blockupy zu Aktionstagen in Frankfurt am Main am 16. bis 19. Mai 2012, am 31. Mai bis 1. Juni 2013, im November 2014 und MĂ€rz 2015 auf.cite-ref-ftdfluten-9-0[9]cite-ref-10[10] Diese richteten sich gegen den europĂ€ischen Fiskalpakt, den europĂ€ischen StabilitĂ€tsmechanismus und die AusteritĂ€tspolitik der EuropĂ€ischen Union im Rahmen der Eurokrise. Dabei ging es dem BĂŒndnis nach Eigenangaben 2012 nicht darum, generell, abstrakt gegen das Finanzwesen zu protestieren, sondern ganz konkret an einem Werktag die EZB als Symbol des Kapitalismus zu blockieren.cite-ref-11[7.1]
AktivitÀten
Aktionstage 2012
Die ersten Aktionstage von Blockupy vom 16. bis 19. Mai 2012 standen unter dem Motto âEuropĂ€ische Aktionstage: Besetzen, Blockieren, Demonstrierenâ.cite-ref-ftdfluten-9-1[9]
Vorfeld
Im Vorfeld der geplanten 17cite-ref-12[11] Veranstaltungen der Blockupy-Bewegung wurden Blockaden von BankgebĂ€uden, GewalttĂ€tigkeiten und Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung befĂŒrchtet, was zunĂ€chst zu einem generellen Verbot der Demonstrationen im Rahmen der Aktionstage fĂŒhrte.cite-ref-frsic-13-0[12] Etwa sechs Wochen vorher, am 31. MĂ€rz, hatte in Frankfurt unter dem Titel M31 eine antikapitalistische Demonstration stattgefunden, bei der mehrere Demonstranten, ein Passant und etwa 15 Polizisten verletzt wurden, darunter einer schwer,cite-ref-14[13] und es zu 480 Festnahmen sowie SachschĂ€den kam.cite-ref-15[14]
Eine Rave-Veranstaltung am 16. Mai und eine GroĂdemonstration am 19. Mai (hier unter Auflagen) wurden jedoch durch den Verwaltungsgerichtshof in Kassel genehmigt. Das Camp der Occupy-Germany-Bewegung, das seit dem Oktober 2011 am Willy-Brandt-Platz gegenĂŒber der EuropĂ€ischen Zentralbank existierte, wurde fĂŒr die Dauer dieser Tage aus SicherheitsgrĂŒnden gerĂ€umt; es kam zu ersten Festnahmen.cite-ref-welt2-16-0[15]cite-ref-frsic-13-1[12]
Die GroĂbanken stellten sich auf gewalttĂ€tige Auseinandersetzungen ein, die Commerzbank schloss ihre Zentrale, die Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt auf Anraten der stĂ€dtischen Behördencite-ref-17[16] ihre HochschulgebĂ€ude an allen Standortencite-ref-18[17] von Mittwoch, 16. Mai 20:00 Uhr, bis einschlieĂlich Sonntag, 20. Mai, und die Polizei reagierte mit dem Einsatz von 5000 Beamten.cite-ref-19[18] Der Bankenverband Hessen sagte seine fĂŒr den 15. Mai angesetzte Mitgliederversammlung ab.
Die Stadtverwaltung fĂŒrchtete Krawalle und stellte den öffentlichen Nahverkehr wĂ€hrend des Aktionszeitraumes erheblich um. Auf Anraten der polizeilichen Behörden wurde von der Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main beschlossen, beispielsweise Haltestellen in der NĂ€he der EZB und der Zentrale der Deutschen Bank nicht anzufahren. Einige Bus-, StraĂenbahn- und U-Bahn-Linien verkehrten stark eingeschrĂ€nkt oder gar nicht.cite-ref-ftdfluten-9-2[9]cite-ref-20[19]cite-ref-spon3-21-0[20] Auch das FreĂgass-Fest wurde um eine Woche verschoben.cite-ref-22[21]
Verlauf
Die Musikdemonstration Rave against Troikacite-ref-23[22] mit 500 Teilnehmern wurde vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof verboten und daher am Abend des 16. Mai von der Polizei friedlich aufgelöst.cite-ref-24[23]
Am folgenden Tag tolerierte die Polizei zunĂ€chst eine ebenfalls verbotene Demonstration mit mehreren hundert Teilnehmern auf dem Römerberg und dem Paulsplatz, bei dem sich das Blockupy-BĂŒndnis auf die Versammlungsfreiheitcite-ref-welt2-16-1[15] als Grundrecht (Art. 8) berief; ein spontan gebildetes Zeltlager rĂ€umte sie jedoch nach einigen Stunden doch. Hierbei kam es zu Rangeleien zwischen Polizei und den Demonstranten. Die Polizei forderte, dass sich diese an richterliche Entscheidungen halten sollen.cite-ref-25[24] Konstantin Wecker wurde daran gehindert, auf dem Paulsplatz ein Konzert zu geben. Im Interview erklĂ€rte er, es sei notwendig, âeine Demokratie zu bewahren, die anscheinend gerade ausgehebelt wirdâ.cite-ref-26[25] Wecker sang trotzdem aushilfsweise ĂŒber ein Megafon zu den Demonstrantencite-ref-27[26] den Refrain seines Liedes Empört Euch.cite-ref-28[27] Der ebenfalls anwesende jĂŒdische Friedensaktivist und Ăberlebende des Holocaust, Reuven Moskovitz, Ă€uĂerte sich âerschĂŒttert ĂŒber die GewalttĂ€tigkeit der Polizeiâ. Die Sprecherin des zustĂ€ndigen Ordnungsdezernenten Ă€uĂerte: âEs ist der Polizei zu verdanken, dass die Lage bisher nicht eskaliert istâ. Es kam am Donnerstag und Freitag insgesamt zu etwa 190 Festnahmen.cite-ref-29[28]
Am 18. Mai versuchten etwa 1000 Aktivisten an verschiedenen Stellen der Innenstadt, unter anderem an der weitrĂ€umig abgesperrten EZB, erneut trotz gerichtlichen Verbots zu demonstrieren. Die Polizei nutzte zunĂ€chst Polizeikessel, um die Situation in den Griff zu bekommen, reagierte dann mit der RĂ€umung von Kundgebungen, setzte Schlagstöcke, Reizgas und Wasserwerfer ein und nahm schlieĂlich rund 400 Demonstranten in Gewahrsam. Es kam zu SachbeschĂ€digungen durch die Demonstranten.cite-ref-focus-protestzuege-1-1[1]cite-ref-30[29] Der Literaturkritiker Michael Hardt und der Ethnologe und Anarchist David Graeber sprachen zu den Aktivisten und solidarisierten sich mit den Protesten.cite-ref-31[30]
Am 19. Mai nahmen mehr als 20.000 Menschen an der einzigen, genehmigten GroĂdemonstration teil. Teilnehmer waren auch aus anderen europĂ€ischen LĂ€ndern wie Griechenland, Spanien, Italien und Frankreich angereist. Trotz kleinerer ZwischenfĂ€lle verlief die Veranstaltung grundsĂ€tzlich friedlich. Gewaltbereite Aktivisten wurden von der Polizei hermetisch abgeschirmt.cite-ref-spon3-21-1[20] Etwa 400 Aktivisten wurden in Gewahrsam genommen. Ăber die Tage wurden schĂ€tzungsweise 5000 Polizisten eingesetzt. Aus den Reihen der Demonstranten wurde die starke PolizeiprĂ€senz kritisiert und auf das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit hingewiesen.cite-ref-32[31]cite-ref-33[32] Der Einzelhandel der Stadt bezifferte die ausgebliebenen UmsĂ€tze mit einer Höhe von zehn Millionen Euro, lobte die Zusammenarbeit mit Polizei und Behörden im Vorfeld und unterstĂŒtzte die verhĂ€ngten Verbote.cite-ref-34[33]
Nachwirkung
Ende Mai wurden die Veranstaltungsverbote in Frankfurt zum Gegenstand einer Diskussion im Hessischen Landtag. Die EinschrÀnkung der Demonstrationsfreiheit wurde von den Parteien unterschiedlich beurteilt.cite-ref-35[34]
Eine Fortsetzung der Proteste in DĂŒsseldorf stieĂ am 9. Juni nur auf geringen Zuspruch.cite-ref-36[35] Der hessische Politiker Ulrich Wilken kĂŒndigte fĂŒr den Herbst 2012 in Frankfurt weitere Aktionen des BĂŒndnisses an.cite-ref-37[36] Am 20. und 21. Oktober fand dann in Frankfurt ein âAktionswochenendeâ statt, bei dem 400 bis 500 Teilnehmer zur europĂ€ischen Finanzpolitik und zur Meinungsfreiheit diskutierten. Sie beschlossen die Proteste auch im Jahr 2013 friedlich fortzusetzen und auf die MissstĂ€nde in der Banken- und EU-Politik aufmerksam zu machen. Sie erklĂ€rten sich mit Streikenden in Griechenland, Spanien und Portugal solidarisch.cite-ref-38[37]cite-ref-39[38]
Die Polizei Frankfurt zahlte Anfang 2013 ohne gerichtlichen Prozess eine EntschĂ€digung an unrechtmĂ€Ăig festgehaltene Demonstranten, die aus Berlin angereist waren und bereits auf der Autobahn abgewiesen wurden, daraufhin in Eschborn demonstrierten und dort festgenommen wurden.cite-ref-welt-113365124-40-0[39]
Aktionstage 2013
An das Vorjahr anknĂŒpfend, rief das Blockupy-BĂŒndnis fĂŒr den 31. Mai und 1. Juni 2013 wieder in Frankfurt zu Aktionstagen auf.cite-ref-camp-41-0[40] Das Vorhaben einer Blockade der EZB war ausdrĂŒcklich nicht gegen die BeschĂ€ftigten der EZB und in den BankentĂŒrmen gerichtet, wie die Blockupy-Sprecherin Ani DieĂelmann betonte. Die Polizei behielt sich nach Angaben eines Sprechers vor, den Weg freizurĂ€umen, und auch eine EZB-Sprecherin hob hervor, dass die Zentralbank gegebenenfalls MaĂnahmen ergreifen werde, um die Sicherheit von Mitarbeitern und Besuchern zu gewĂ€hrleisten und die HandlungsfĂ€higkeit der EZB sicherzustellen.cite-ref-42[41]
Vorfeld
Vorab fanden in der Zeit vom 11. bis zum 20. Mai sogenannte Warm-up-Demos in verschiedenen StĂ€dten wie Göttingen,cite-ref-43[42] Köln,cite-ref-44[43] Berlincite-ref-45[44] und MĂŒnstercite-ref-46[45] statt, die ĂŒberwiegend friedlich verliefen. Weiterhin protestierten Blockupy-Aktivisten am 23. Mai vor der Deutschen Bank in Frankfurt, wo die Hauptversammlung der AktionĂ€re stattfand, unter anderem gegen die Finanzierung der RĂŒstungsindustrie, die Nahrungsmittelspekulation und Umweltzerstörung. Sie versuchten erfolglos auch die Versammlung selbst zu stören.cite-ref-47[46] Als Ăbernachtungsmöglichkeit, politischer und sozialer Treffpunkt wurde ein Aktionscamp auf dem Frankfurter RebstockgelĂ€nde eingerichtetcite-ref-camp-41-1[40] und ab dem 29. Mai geöffnet.cite-ref-48[47]
Im Vorfeld warf das linke Blockupy-BĂŒndnis der Stadt Frankfurt vor, wie 2012 die FormalitĂ€ten rund um die geplante GroĂdemonstration zu verschleppen, um eventuelle Rechtsstreitigkeiten zeitlich zu erschweren. Aus dem BĂŒro von Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) hieĂ es dazu am 16. Mai, dass es keine vorgeschriebene Frist zur Auflagenerteilung gĂ€be und die Polizei die GefĂ€hrdungslage noch prĂŒfe.cite-ref-49[48] Gegen die dann erteilten Auflagen â wie Sicherheitsabstand zur EZB, keine Flaschen, keine Hunde, keine Seile und mehr als zwei Meter lange Fahnen sowie geĂ€nderter Streckenverlauf â legte Werner RĂ€tz, der Anmelder der Demonstration, am 23. Mai mit Hinweis auf die Versammlungsfreiheit (Art. 8 des Grundgesetzes) Widerspruch bei Gericht ein.cite-ref-50[49]cite-ref-51[50] Mit der BegrĂŒndung, dass die Stadt âkeine nachweisbaren Tatsachenâ dafĂŒr habe, dass die ursprĂŒngliche Route fĂŒr die Ăffentlichkeit gefĂ€hrlich sei und die Blockupy-GroĂdemo im vergangenen Jahr friedlich geblieben war und auch die GefahreneinschĂ€tzung der Polizei ânicht nĂ€her belegt und durch Tatsachen konkretisiert wordenâ ist, erklĂ€rte das Frankfurter Verwaltungsgericht die geforderte Verlegung der Route fĂŒr âersichtlich rechtswidrigâ und entschied am 28. Mai, dass die Demonstration auf ihrer ursprĂŒnglichen Route ĂŒber die WeiĂfrauenstraĂe, die Berliner StraĂe und BattonnstraĂe in die Kurt-Schumacher-StraĂe laufen dĂŒrfe.cite-ref-52[51] Die weiteren Auflagen blieben jedoch bestehen. Gegen diese Entscheidung legte die Stadt beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel Beschwerde ein, die jedoch zurĂŒckgewiesen wurde.cite-ref-53[52]cite-ref-vgfra-54-0[53]cite-ref-55[54]
Am 28. Mai wurde vom Verwaltungsgericht Frankfurt entschieden, dass das Blockupy-BĂŒndnis am 31. Mai mit einer begrenzten Teilnehmerzahl von 200 Menschen im Flughafenterminal demonstrieren darf.cite-ref-vgfra-54-1[53] Die Stadt Frankfurt legte Beschwerde ein. Daraufhin entschied der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Kassel am 29. Mai unanfechtbar und endgĂŒltig, dass die GroĂdemonstration am 1. Juni direkt an der EZB vorbeiziehen darf.cite-ref-56[55]
Wie auch im Vorjahr kam es in Frankfurt zu erheblichen EinschrĂ€nkungen im öffentlichen Nahverkehr der Innenstadt.cite-ref-57[56] Der Einzelhandel rechnete mit UmsatzeinbuĂen.cite-ref-58[57] Am 30. Mai 2013 hinderten PolizeikrĂ€fte bei Butzbach fĂŒnf Busse mit Blockupy-Aktivisten aus Berlin, die auf dem Weg zu den Aktionstagen waren, zeitweise an der Weiterfahrt.cite-ref-59[58] Ein Ă€hnliches Vorgehen im Vorjahr war vom Amtsgericht GieĂen als rechtswidrig bezeichnet worden.cite-ref-60[59]
Verlauf
Blockupy-Aktivisten aus Deutschland und anderen Euro-LĂ€ndern versammelten sich am Vormittag des 31. Mai vor dem von der Polizei abgesperrten Raum vor der EZB.cite-ref-61[60] Blockupy sprach von etwa 3.000 Demonstranten, die Polizei schĂ€tzte 1000 bis 1400 Teilnehmer. Umstritten war auch, ob es tatsĂ€chlich eine Blockade der Bank gab, wie das BĂŒndnis behauptete.cite-ref-62[61] AnschlieĂend protestierten etwa 300 Personen lautstark vor der Deutschen Bank in Frankfurt gegen die Spekulationen mit Nahrungsmitteln und vor Einkaufsketten und dem in der Kritik stehendencite-ref-63[62] Textildiscounter Primarkcite-ref-64[63] und gegen die Arbeitsbedingungen beispielsweise in Bangladesch. Am Nachmittag strebten statt der genehmigten 200 etwa 800cite-ref-65[64] Demonstranten ins Terminal 1 des Frankfurter Flughafens, jedoch demonstrierten von diesen wie angeordnet nur 200. Trotzdem setzte die Polizei kurzzeitig Pfefferspray und Schlagstöcke ein. Mit einer mehrstĂŒndigen VerspĂ€tung konnte die Aktion gegen Abschiebungen dann friedlich durch den Flughafen fortgesetzt werden.cite-ref-66[65] Insgesamt blieb der erste Aktionstag laut Polizei ĂŒberwiegend friedlich. Gegen die geringe Zahl an vermummten Aktivisten, die versuchten, die Absperrungen der Polizei einzureiĂen, wurden vereinzelt Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt. Es kam zu weniger als einem Dutzend Festnahmen.cite-ref-67[66]
An der abschlieĂenden Demonstration am folgenden 1. Juni nahmen nach Angaben der Polizei 7000, nach SchĂ€tzungen der Veranstalter 20.000 Menschen teil. Nach dem Beginn des Demonstrationszuges kesselte die Polizei eine Gruppe von rund 900 Teilnehmern ein, bei denen sie aufgrund von Vermummung mit Sonnenbrillen und Regenschirmen,cite-ref-68[67] passiver Bewaffnung und VerstoĂ gegen Auflagen Gewaltbereitschaft vermutete. Die Demonstration wurde dadurch geteilt und ihr weiterer Verlauf praktisch unterbunden. In der Folge kam es sowohl von Teilen der Demonstranten als auch der Polizei zur Anwendung von Gewalt, insbesondere als der Polizeikessel gerĂ€umt wurde, um die darin befindlichen Demonstranten festnehmen, durchsuchen und ihre Personalien feststellen zu können. Auch die Bundes- und Landtagsabgeordneten Katja Kipping und Janine Wissler wurden aus dem Kessel abgefĂŒhrt.cite-ref-69[68]cite-ref-70[69]cite-ref-71[70]cite-ref-72[71] Der SPD-Stadtverordnete und Bezirksvorsitzende der sĂŒdhessischen Jusos, Christian Heimpel, erlebte die Proteste als offizieller Demonstrationsbeobachter der Stadt Frankfurt. Er schilderte die Situation wĂ€hrend der Demonstration als sehr bedrĂŒckend und kritisierte das Verhalten der Polizei, die auch gegen Demonstrationsbeobachter und Journalisten vorgegangen war.cite-ref-73[72] Insgesamt kam es zu 45 Festnahmen und etwa 220 Verletzten.cite-ref-74[73] Vor Ort tĂ€tige DemosanitĂ€ter berichteten von bis zu 275 Verletzten und beklagten zudem die Behinderung ihrer Arbeit durch die Polizei.cite-ref-75[74]cite-ref-76[75]
Nachwirkungen
WĂ€hrend die Frankfurter Polizei ihr Vorgehen am folgenden Tag verteidigte, forderten die sĂŒdhessischen Jungsozialisten den RĂŒcktritt des hessischen Innenministers Boris Rhein, der fĂŒr das âaggressive und unverhĂ€ltnismĂ€Ăigeâ Verhalten der Polizei verantwortlich sei. Rhein wurde von der Fraktion der GrĂŒnen aufgefordert, im hessischen Landtag Stellung zu beziehen.cite-ref-77[76] Die hessische SPD-Landtagsfraktion legte Rhein einen umfangreichen Fragenkatalog vor. Es gĂ€be einen erheblichen AufklĂ€rungsbedarf, so die innenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Nancy Faeser. Neben dem Vorgehen der Polizei gegenĂŒber den Demonstranten mĂŒsse auch geklĂ€rt werden, ob der Innenminister seine FĂŒrsorgepflicht verletzt habe, da einzelne Beamte ĂŒber 20 Stunden im Einsatz gewesen sein sollen.cite-ref-78[77] Auf einer Pressekonferenz rechtfertigte er den Polizeieinsatz, bei dem auch Journalisten behindert und verletzt worden waren.cite-ref-79[78]cite-ref-80[79]cite-ref-81[80] Im hessischen Landtag verteidigte Rhein den Polizeikessel als ânachvollziehbar, richtig und vom Gesetz gedecktâ.cite-ref-82[81]
Der Staatsrechtler Christoph Gusy kritisierte den Polizeieinsatz als unverhĂ€ltnismĂ€Ăig und widersprach der Auffassung der Polizei, der zufolge die Verwendung von Regenschirmen und Sonnenbrillen seitens der Demonstranten eine Vermummung darstelle.cite-ref-83[82] Der Rechtsprofessor und Dozent fĂŒr Polizeirecht an der Hochschule fĂŒr Wirtschaft und Recht Berlin, Clemens Arzt, war zufĂ€llig Zeuge der umstrittenen Polizeiaktion. Er erklĂ€rte am 6. Juni der Nachrichtenagentur dpa gegenĂŒber, dass der Kessel âschlicht unverhĂ€ltnismĂ€Ăigâ gewesen sei. âEinen Kessel bilden darf man nur, wenn es nicht möglich ist, einzelne Störer zu isolieren â und wenn dies die einzige Möglichkeit ist, schwere Straftaten zu unterbindenâ.
Das BĂŒndnis reichte Klage gegen das Land Hessen, vertreten durch das PolizeiprĂ€sidium, beim Verwaltungsgericht Frankfurt ein. Dem Gericht liegen aufgrund der juristisch unterschiedlichen VorwĂŒrfe drei parallele Verfahren vor: Teilausschluss einiger Teilnehmer, Anhalten der Demo und Aufnahme der Personalien.cite-ref-84[83] Die Linke Hessen stellte Strafanzeige gegen den Einsatzleiter der Polizei. Er habe gegen Paragraph 21 des Versammlungsgesetzescite-ref-85[84] verstoĂen, da er eine genehmigte Demonstration mit Gewaltanwendung verhindert habe.cite-ref-86[85] Die Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) kritisierte ihrerseits Polizeigewalt gegen Journalisten: Beamte sollen Journalisten behindert und mit Pfefferspray angegriffen haben.cite-ref-87[86]
Am 8. Juni, eine Woche nach dem umstrittenen Polizeieinsatz, demonstrierten auf einen Aufruf der Occupy-Bewegung hin nach Angaben der Organisatoren mindestens 10.000, nach Polizeiangaben 6.500 Menschen auf der ursprĂŒnglich vorgesehenen Route. Sie forderten unter anderem eine AufklĂ€rung der nĂ€heren UmstĂ€nde und eine Kennzeichnungspflicht fĂŒr Polizisten. Die Polizei griff nicht ein und beschrĂ€nkte sich auf die Verkehrsregelung.cite-ref-88[87]cite-ref-89[88]cite-ref-90[89]
Im Juni 2014 stellte das Verwaltungsgericht Frankfurt in erster Instanz fest, dass der Polizeikessel rechtmĂ€Ăig gewesen sei. Er sei gegenĂŒber der Auflösung der gesamten Demonstration eine geeignete MinusmaĂnahme gewesen. Ăber die Dauer der Einkesselung oder weitere UmstĂ€nde wurde nicht verhandelt. Der unterlegene KlĂ€ger beantragte beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof Berufung, um das Urteil ĂŒberprĂŒfen zu lassen.cite-ref-91[90]cite-ref-92[91]cite-ref-93[92] Auch im September 2014 entschied das gleiche Gericht, dass die Einkesselung der Demonstranten rechtmĂ€Ăig gewesen sei und argumentierte erneut mit der Auffassung einer geeigneten MinusmaĂnahme.cite-ref-94[93] Auch das Bundesverfassungsgericht bestĂ€tigte im Dezember 2016 die RechtmĂ€Ăigkeit der MaĂnahme.cite-ref-95[94]
Aktionen 2014
Vor der Eröffnung des Neubaus der EZB, die fĂŒr den Herbst 2014 geplant, im Juni aber auf 2015 verschoben wurde,cite-ref-verschiebung1-96-0[95]cite-ref-verschiebung2-97-0[96] fanden im FrĂŒhling mehrere nationale und internationale Protestaktionen statt. Das BĂŒndnis rief ab Ende MĂ€rz nach dem Vorbild einer Aktionsform der Startbahn-West-Gegner in den 1980er Jahren zu so genannten monatlichen âZaunspaziergĂ€ngenâ an der Baustelle des Neubaus der EZB in Frankfurt auf.cite-ref-98[97]
Beim Versuch, von 500 Blockupy- und anderen Aktivisten, fĂŒnf Tage spĂ€ter den European Business Summit in BrĂŒssel zu âumzingelnâ und gegen das geplante Transatlantische Freihandelsabkommen zu demonstrieren, setzten Spezialeinheiten zur AufstandsbekĂ€mpfung Wasserwerfer ein.cite-ref-99[98]cite-ref-100[99] Es kam zu ca. 250 Festnahmen.cite-ref-101[100] Zwei Tage spĂ€ter organisierte Blockupy in mehreren deutschen StĂ€dten, darunter Berlin, Frankfurt, Stuttgart und Hamburg, Demonstrationen mit bis zu 3000 Teilnehmern. Die Thematiken bezogen sich auf FlĂŒchtlinge in Deutschland, Sozialabbau und die Eurokrise.cite-ref-102[101]cite-ref-103[102] In Hamburg kam es bei einer Veranstaltung mit mindestens 1000 Teilnehmern gegen den Bau der umstrittenen Elbphilharmonie zu Ausschreitungen, Verletzten und zum Einsatz von Wasserwerfern und Schlagstöcken.cite-ref-104[103] Zu einer Demonstration in Rom, die sich gegen Privatisierungspolitik, MinisterprĂ€sident Matteo Renzi und die EU wendete und an der mehrere zehntausend Menschen teilnahmen, hatte Blockupy ebenso wie zur Teilnahme an einem May of solidarity in Bologna, BrĂŒssel, Madrid, und Paris mit aufgerufen.cite-ref-105[104]cite-ref-106[105] Am 22. Mai störten Blockupy-Aktivisten unter Bezugnahme auf Land Grabbing und GeschĂ€fte mit der RĂŒstungsindustrie die Hauptversammlung der Deutschen Bank in Frankfurt am Main.cite-ref-107[106]
Vom 20. bis 23. November organisierte Blockupy in Frankfurt am Main ein âFestivalâ mit Podiumsdiskussionen und Arbeitsgruppen zu Themen etwa der internationalen Vernetzung von âGegenmachtâ und um die Zukunft sozialer Infrastruktur in Europa.cite-ref-108[107]cite-ref-109[108] Etwa 2000 Aktivisten nahmen am 22. November an einer Demonstration zum Neubau der EuropĂ€ischen Zentralbank teil, wo etwa 80 von ihnen auf das GelĂ€nde vordrangen, Teile des Zauns beschĂ€digten und das GebĂ€ude mit Farbbeuteln bewarfen. Der entstandene Sachschaden belief sich auf etwa 20.000 Euro. Es kam zum Einsatz von Pfefferspray und zu Verletzten sowohl bei Demonstranten als auch bei Polizisten.cite-ref-110[109] Nach Angaben der Demo-SanitĂ€ter, die die Demonstration medizinisch begleiteten, wurden ca. 50 Teilnehmer der Demonstration verletzt.cite-ref-111[110]
GewalttÀtige Proteste gegen die Eröffnung des Neubaus der EuropÀischen Zentralbank 2015
Blockupy organisierte Proteste gegen die Eröffnung des Neubaus der EuropĂ€ischen Zentralbank am 18. MĂ€rz 2015 in Frankfurt. Das BĂŒndnis rief dazu auf, am frĂŒhen Morgen mittels friedlicher Sitz-, Steh- und Tanzblockaden die Zone rund um die EZB lahmzulegen und so die Eröffnungsfeier zu stören.cite-ref-112[111] FĂŒr den Nachmittag wurde zu einer Kundgebung mit anschlieĂender Demonstration mobilisiert.cite-ref-113[112] Die EZB hatte vorab entschieden, die Eröffnungsfeier in kleinem Rahmen zu halten. Wegen der erwarteten Blockaden riet sie ihren Mitarbeitern, an diesem Tag von zu Hause aus zu arbeiten.cite-ref-114[113]
Am frĂŒhen Morgen des Protesttags kam es in Frankfurt-Ostend, dem neuen Standort der EZB, zu gewalttĂ€tigen Ausschreitungen und zu SachbeschĂ€digungen. Die Polizei hatte vorab rund um die Bank umfangreiche Absperrungen unter Zuhilfenahme von NATO-Draht errichtet und Wasserwerfer aus dem gesamten Bundesgebiet postiert.cite-ref-115[114] Demonstranten setzten MĂŒllcontainer und mehrere Polizeiautos in Brandcite-ref-zeit-de-2015-03-18-116-0[115]cite-ref-117[116] und beschĂ€digten GebĂ€ude durch Farbe und SteinwĂŒrfe. Auch bei der Feuerwehr, den Verkehrsbetrieben und bei Unbeteiligten gab es SachschĂ€den und Verletzte.cite-ref-118[117] Die Polizei reagierte mit dem Einsatz von Schlagstöcken, Wasserwerfern und Reizstoff.cite-ref-kom2015-119-0[118]cite-ref-ts-120-0[119] WĂ€hrend einige Organisatoren und Vertreter der Blockupy-Bewegung die Gewalt bedauerten, distanzierten sich andere ausdrĂŒcklich nicht davon und wiesen der Polizei die Schuld an der Eskalation zu.cite-ref-zeit-2015-03-18-121-0[120]cite-ref-zeit-de-2015-03-18-116-1[115]cite-ref-faz-2015-03-19-122-0[121] Auch Rechtsextreme beteiligten sich als Trittbrettfahrer an den Aktionen.cite-ref-123[122]
Am Nachmittag beteiligten sich rund 8500 Menschen an einer Kundgebung auf dem Römerberg, zu der ein BĂŒndnis einschlieĂlich der Gewerkschaften aufgerufen hatte. Als Redner traten dort u. a. Sahra Wagenknecht von der Partei Die Linke, die Globalisierungskritikerin Naomi Klein, der Kabarettist Urban Priol, Giorgios Chondros von der griechischen Regierungspartei Syriza sowie Miguel UrbĂĄn von der spanischen Partei Podemos auf.cite-ref-124[123] An dem anschlieĂenden Umzug durch die Frankfurter Innenstadt nahmen etwa 17.000â20.000 Personen teil. Er verlief weitgehend friedlich.cite-ref-125[124]cite-ref-126[125]
Berlin 2016
2016 verlagerte Blockupy seinen Aktionsschwerpunkt von Frankfurt am Main nach Berlin.
Am Tag der offenen TĂŒr, dem 27. August, fand eine Demonstration im Inneren des dortigen Bundesministeriums fĂŒr Arbeit und Soziales statt. Die Polizei entfernte mehrere Aktivisten aus dem GebĂ€ude und nahm sie vorĂŒbergehend in Gewahrsam.cite-ref-127[126]cite-ref-128[127] Die Kritik des BĂŒndnisses richtete sich gegen die vermutete Absicht der Bundesregierung, mit dem Integrationsgesetz von 2016 FlĂŒchtlinge auszubeuten.cite-ref-weser-129-0[128] Etwa 1000 Demonstranten, wesentlich weniger als in den Vorjahren, fĂŒhrten Blockadeversuche auch vor dem Finanzministerium durch. Die Proteste blieben weitgehend friedlich und verlagerten sich im Lauf des Tages an verschiedene Orte in der Berliner Innenstadt.cite-ref-weser-129-1[128]cite-ref-bz1-130-0[129]
Am darauffolgenden Tag fĂŒhrte Blockupy seine Aktionen in Berlin fort und beteiligte sich an der Demonstration âAufstehen gegen Rassismus! Deine Stimme gegen die Alternative fĂŒr Deutschlandâ (AfD)!.cite-ref-ts99-131-0[130] Mit dieser Demonstration sollte kurz vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin vor dem Hintergrund der FlĂŒchtlingsdebatte in Deutschland gegen die AfD demonstriert werden. Die Kundgebung zĂ€hlte mehrere Tausend Teilnehmer und blieb weitgehend friedlich.cite-ref-ts99-131-1[130]
Rezeption
Die AktivitÀten von Blockupy werden vom Verfassungsschutz beobachtet und finden ihren Niederschlag in den Verfassungsschutzberichten 2013 des Bundeslandes Hessen und des Bundes.cite-ref-132[131]cite-ref-133[132]
Im Kriminologischen Journal erschien 2013 ein Artikel, der sich auf die Aktionstage 2012 und in geringerem MaĂe auch auf jene von 2013 bezog. Die Autoren Tino Petzold und Maximilian Pichl stellten fest, dass die Polizei im Auftrag des Staates weitreichende Grundrechtseingriffe durchsetzte, ohne dafĂŒr in wesentlichen Teilen eine rechtliche Grundlage zu haben oder normiertes Recht sogar brach. Die Autoren konzentrierten sich in ihrem Artikel auf das VerhĂ€ltnis zwischen Recht und Polizei unter Bezugnahme auf die temporĂ€re âProduktionâ bzw. Aneignung von (stĂ€dtischem) Raum durch die Exekutive. Bei Protesten komme es zu einem âRingen um Raumâ, bei dem beide Seiten versuchten, eigene Deutungsmuster zu verwirklichencite-ref-134[133]. Sowohl das Recht als auch der Polizeiapparat hĂ€tten eine âspezifische Eigensinnigkeitâ. Die Polizei sei nicht nur Exekutive, sondern trage auch ZĂŒge der Judikative, weil sie Spielraum hĂ€tte, das Recht zu interpretieren, und welche der Legislative, weil sie eben dadurch Recht setzen wĂŒrde. Die Gewaltenteilung sei angetastet. Seit etwa zehn Jahren bzw. der sogenannten Schlacht von Seattle 1999 werde bei gröĂeren Protesten das Konzept des negotiated management (etwa: Management der Veranstaltung durch Verhandlung)cite-ref-135[134] von dem des Summit policing (etwa: Management der Proteste gegen Gipfelveranstaltungen) abgelöst,cite-ref-136[135]cite-ref-137[136] was in Deutschland Vorfeldkontrollen, Polizeikessel, VideoĂŒberwachung, selektive Zugriffe gegen Demonstranten und die âVorhaltung starker, jederzeit zur Dominanz fĂ€higer EinsatzkrĂ€fteâ bedeute.cite-ref-138[137] Bei Blockupy 2012 habe die Polizei insbesondere rĂ€umliche Praktiken des summit policing angewendet, indem sie die Kontrolle ĂŒber öffentlichen Raum ĂŒbernommen habe, mit dem Zweck, die Aktivisten zu kontrollieren und zu kriminalisieren.cite-ref-139[138] Argumentativ wurden etwa EinkaufsstraĂen und Bankfilialen als gefĂ€hrdete Orte dargestellt, praktisch bereits prĂ€ventiv Institutionen wie die UniversitĂ€t Frankfurt am Main und die Frankfurt School of Finance & Management geschlossen, sowie mittels Polizeigittern, Reiterstaffeln, RĂ€umpanzern und Wasserwerfern eine fĂŒr BĂŒrger unzugĂ€ngliche Sicherheitszone um die EZB errichtet. In Bussen anreisende Demonstranten wurden kontrolliert und auch mit Aufenthaltsverboten belegt, was den von der Polizei eingenommenen Raum ĂŒber die eigentliche Stadt hinaus noch ausdehnte. Diese MaĂnahmen wurden, obwohl aus Sicht der Autoren âzu einem gewichtigen Teil rechtswidrigâ auch nach der friedlich verlaufenen Abschlussdemonstration, wĂ€hrend der 12 Polizeikessel errichtet wurden, noch argumentativ verteidigt.cite-ref-140[139] Den Frankfurter Polizeikessel von 2013 betreffend, stellen Petzold und Pichl fest, dass die Polizei ihre Strategie von 2012 fortentwickelte und bei zeitweise fehlender richterlicher Kontrolle eine genehmigte Demonstration verhinderte, damit ein rechtskrĂ€ftiges Urteil umgehen konnte und in einem âRaum des Ausnahmerechtsâ agierte.cite-ref-141[140]
Auch der Soziologe Peter Ullrich sah in der behördlichen Reaktion auf Blockupy 2012 ein Beispiel fĂŒr âeine neue Tendenz repressiven Umgangs mit Protestierendenâ, die seit der âSchlacht von Seattleâ und dem G8-Gipfel in Genua 2001 zu beobachten sei.cite-ref-142[141]
Das Komitee fĂŒr Grundrechte und Demokratie veröffentlichte 2014 einen 123-seitigen Bericht zum Polizeikessel 2013, der aus der Beobachtung der VorgĂ€nge durch 23 Mitarbeiter hervorging. Zusammenfassend wird festgestellt, dass es âdemokratisch fatalâ gewesen sei, den Weg der gerichtlich genehmigten Demonstration durch die Einkesselung zu verhindern. Es mĂŒsse âder Eindruck einer Recht brechenden und Selbstjustiz schaffenden Exekutive entstehenâ.cite-ref-143[142] Des Weiteren wird der unkritische Einsatz von Pfefferspray als einer potentiell tödlichen, zumindest den BĂŒrger vom Staat entfremdenden Waffe kritisiert. Es sei auch gegen Kinder, Alte und Journalisten eingesetzt worden.cite-ref-144[143] In der Demonstrationsbeobachtung zum 18. MĂ€rz 2015 stellte das Grundrechtekomitee fest, dass Teile der Demonstranten durch Gewaltanwendung den Aktionskonsens von Blockupy gebrochen und als Minderheit die Medienberichterstattung dominiert hĂ€tten. Die Polizei sei diesen Gruppen nicht ausreichend entgegengetreten: Brennende Barrikaden und Autos seien nicht gelöscht worden, Rauch und Geruch damit erhalten geblieben, so dass der Eindruck gewalttĂ€tiger Unruhen gegenĂŒber der Presse noch verstĂ€rkt worden sei.cite-ref-kom2015-119-1[118]
Im November 2014 zitierte die SĂŒddeutsche Zeitung die Ăkonomen und Sozialwissenschaftler Oliver Nachtwey und Peter Grottian dahingehend, dass die âeuropĂ€ischen Krisenproteste [selbst] in der Kriseâ seien, unter anderem, weil sich das linke Blockupy-BĂŒndnis nicht zur Mitte hin öffnen könne, die ohnehin von der Thematik der Eurokrise nur wenig betroffen sei. Ein groĂer Teil junger Menschen sei dem Prekariat zugehörig und in der damit verbundenen Unsicherheit an Protestkultur wenig interessiert. DarĂŒber hinaus verlagere sich Protestverhalten von der StraĂe ins Internet, z. B. hin zur Petitions-Plattform Campact.cite-ref-145[144] Nachtwey wiederholte 2015, dass Blockupy auch wegen der nun ausgeĂŒbten Gewalt der âWahrnehmung seiner Anliegen eher schadenâ wĂŒrde und nicht hin zur bĂŒrgerlichen Mitte mobilisieren könne. Der Politikwissenschaftler Sebastian Haunss, der sich bereits 2012 auf die Inbesitznahme öffentlichen Raums durch die Demonstranten bezogen hatte, zeigte sich hingegen nicht ĂŒberrascht: Man wisse, dass Gewalt gegen Sachen fĂŒr Teile der Demonstranten als legitime Protestform gelte.cite-ref-146[145]cite-ref-haunss-6-1[6]
Die linksorientierte Tageszeitung Junge Welt interpretierte im MĂ€rz 2015 die Ergebnisse einer vom Institut fĂŒr Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie,cite-ref-147[146] nach der das Spar- und Reformprogramm in Griechenland gescheitert sei und Hunderttausende Griechen in ihrer Existenzgrundlage bedroht seien, weil âdie von der Troika geforderte Sparpolitik kaum soziale Abfederung kannteâcite-ref-148[147] als BestĂ€tigung der Analysen von Blockupy.cite-ref-149[148] Der Wirtschaftsredakteur Johannes Pennekamp sah zeitgleich in der vergleichsweise bĂŒrgerlichen F.A.Z. eine Machtverschiebung von der Politik zur EZB hin, die der Politik unangenehme Entscheidungen abnĂ€hme und bemerkte diesbezĂŒglich ein âDemokratiedefizitâ. Er zitierte den Politikwissenschaftler Wolfgang Wessels: âDie Stabilisierung der Eurozone ist eigentlich eine politische Aufgabe, die EZB bringt sich dort mit einer gewissen KonditionalitĂ€t ein.â Pennekamps EinschĂ€tzung nach seien Zerstörungswut und Gewalt nicht zu rechtfertigen, jedoch sollten das âSich-Abwendenâ und die Radikalisierung der Blockupy-Teilnehmer ernst genommen werden.cite-ref-150[149]
Im August 2016 prognostizierte der Journalist Martin Kaul in der tageszeitung das Ende von Blockupy. Das BĂŒndnis habe âin der linken Szene an Zulauf und Glanz verlorenâ, versuche, zu viele Themen gleichzeitig zu bearbeiten und werde in Berlin trotz seines internationalen Anspruches an mangelndem Zulauf aus dem Ausland leiden.cite-ref-151[150]
Literatur
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âą Tino Petzold, Maximilian Pichl: RĂ€ume des Ausnahmerechts: Staatliche Raumproduktionen in der Krise am Beispiel der Blockupy-Aktionstage 2012. In: Kriminologisches Journal. 45. Jg., Nr. 3, 2013, ISSN 0341-1966, S. 211â227.
âą Wolf-Dieter Narr, Elke Steven: Blockupy 2013 â Der Frankfurter Polizei-Kessel am 1. Juni 2013. Bericht zur Demonstrationsbeobachtung vom 30. Mai bis 1. Juni 2013. Komitee fĂŒr Grundrechte und Demokratie, Köln 2014, ISBN 978-3-88906-142-3 (123 S.).
Weblinks
Commons
: Blockupy
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Wikinews: Blockupy Frankfurt: Friedliche Demonstrationen gegen Kapitalismus und Krisenpolitik
â Nachricht
âą Wir gehen nicht mehr weg. Der Soziologe Oliver Nachtwey im Mai 2012 ĂŒber Blockupy und die Postdemokratie.
âą Die Frankfurter Angst vor den Bankenkritikern. In: Zeit online, 19. Mai 2012
âą StreitgesprĂ€ch zwischen BenoĂźt CĆurĂ©, Mitglied des EZB-Direktoriums, und Werner RĂ€tz und Mischa Aschmoneit, veröffentlicht in der SĂŒddeutschen Zeitung am 28. Juni 2014
Einzelnachweise
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cite-note-verschiebung2-9796. â SĂŒddeutsche Zeitung vom 28. Juni 2014, S. 30: âIhr System muss verschwindenâ. Zum ersten Mal stellt sich die EuropĂ€ische Zentralbank ihren Kritikern: Die Aktivisten von Blockupy werfen dem Institut vor, es schĂŒtze die Banken und schade den BĂŒrgern. Direktor BenoĂźt CĆurĂ© verteidigt die Euro-Rettungspolitik: Ohne die EZB wĂ€re alles viel schlimmer gekommen.
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